KUNST – HARTZ Der Ausstellungstipp im Kurhaus Bad Krozingen

Geh mal hin!

Das Motto der Ausstellung ist mit einem dicken, roten A im Wort Hartz hervorgehoben: das rote A, das Signet der Arbeitsagenturen, wie sich die staatlichen Jobvermittler heute nennen.
Da haben wir doch sogleich ein AhA-Erlebnis!
A wie Arbeitslosigkeit.
Agentur, das ruft Künstler- oder Medienvermittlung ins Gedächtnis. Oder auch VersicherungsAgentur : alles versichern – nichts halten.
Die Arbeitsagenturen haben ihre Versprechen gehalten und die Arbeitslosenzahlen gesenkt. Ja, die Zahlen in den Statistiken haben sie gesenkt.
Einige Fraktionen der Arbeitslosen heißen heute auch Ein- bzw. Zwei-Euro-Jobber, sind Frührentner, sind sog. Hartz IV – Aufstocker mit geringfügigem oder unter dem Existenzminimum entlohnten Job. Viele stürzen nach erfolgloser Ich-AG in die Sozialkasse, viele organisieren unter Inkaufnahme komplizierter Arbeitszeit- und Arbeitswegzeitverknüpfungen ihren Lebensunterhalt mit mehreren Mini-Jobs nebeneinander.

Unter Kunst-Hartz kann man einen trüben Kleister verstehen, in den große Teile unserer Gesellschaft zu stürzen drohen, die nicht am Ausverkauf unseres Globus beteiligt sind:

Großeltern, die eine auskömmliche Rente erwirtschaftet haben, helfen Enkeln Studiengebühren aufzubringen; Viele junge Leute verzichten auf Nachwuchs, im Bemühen sich einer Arbeitswelt zu stellen, die sie 200prozentig zu fordern scheint; Viele Kinder werden in sog. Hartz IV – Familien hineingeboren, wo bereits ihre Eltern jede Ausrichtung auf Perspektiven verloren haben; Dreiste Winkelzüge der Banken, der Politiker und der Wirtschaftsbosse betrügen Familie Mustermann um Habe und Vorsorgepolster; Wachsende Verbraucherzahlen können sich nur mehr billigst unterhalten - auf der Strecke bleibt der heimisch-regionale Produzent und Anbieter.
Seit der Hartz-Gesetzgebung ist das Arbeitsleben eine Kunst.
Es sind die Fähigkeiten von Frei-schaffenden gefragt.
Frei? Von was frei? – Gegenwertfrei schaffen? – Oder frei gewordene Zeit nutzen?
Schaffenszeit in freiwillige (ehrenamtliche) Dienste stellen? Einfach Freizeit genießen und Stütze kassieren? – Oder an zuviel radikal freier Zeit krepieren?
Die im Grundgesetz zugesicherte persönliche Würde über Materielles stellen? Sich verteidigen und an einem besseren Ich und einer verbesserten Gesellschaft arbeiten?

Freies Schaffen für Frei(e)Geister!

KUNST - HARTZ ist eine Ausstellung, die den Betrachter sehr nachdenklich macht. Unter sehr unterschiedlichen, sehr persönlichen Aspekten haben sich die teilnehmenden KünstlerInnen des Mottos angenommen. (A.) widmet ihre Studie der Flexibilität des Menschen: ihre Bilder zeigen dabei sowohl dynamische Bewegung als auch erzwungene Verbiegung. (B.) sieht eine Welt in Flammen, ein Inferno, bisweilen Ground Zero, womit gleichzeitig ein Hinweis auf spontane Rettungsaktionen, auf Entscheidungen und Einsätze gegeben wird, die dem Ereignis mit unerschrockener Kraft, aber auch trainierter Präzision entgegen treten. Die Explosion, das Chaos, die Auflösung wird hier zur Wirkstätte für eine andere, eine Grundlagen schaffende Art von Arbeit. Sie vollzieht sich nicht in Gleichförmigkeit wie das Mahlen von Hirse, sie stellt auch andere Anforderungen. Technisch Erlerntes und heftigste Emotionen kollidieren und dürfen sich doch nicht vermischen. Eine Wolke aus Hitze, Blut, Schweiß und Staub verwehrt jedem, auch dem Helfer, die Sicht. Der Arbeitsplatz ist knapp begrenzt: er umfasst lediglich Kopf, Herz und Hände. Wer einen solchen Arbeitsplatz in sich trägt, scheint das Bild zu sagen, ist in der Lage, sein Chaos zu bearbeiten. Er weiß, was zu tun ist, auch wenn die Drauf- oder Durchsicht unmöglich ist.

(C.) hat ihr Augenmerk zunächst auf den Aspekt Freizeit gerichtet: Ihre Aquarelle zeigen Landschaften, die ermuntern, das Gesicht zu erheben und in die Welt um sich zu blicken. Unsere Heimat ist schön, unsere Urlaubsorte sind schön. Was können wir dazu beitragen, diese Landschaften gesund zu erhalten? Nicht immer ist die Arbeit, die uns persönlich nützt, dergestalt, dass sie dem Erhalt einer gesunden Erde dient, aber immer ist die Arbeit, die dem Gemeinwohl dient, auch unserem persönlichen von Nutzen.

(D.) kommt aus dem Berufsbereich der Medien- und Grafikgestaltung. So erschließt sich auf den ersten Blick, dass ihr Handwerk sie gelehrt hat, mit einer minimalen Bildsprache umfassende Themenbereiche aufzurollen. Die beinahe unscheinbaren Materialtafeln in gebrochenem Weiß und sensiblen Graunuancen zeigen reliefartige Erhebungen und Kerbungen wie Tierhäute. Sie wirken bröselig, zerknittert wie die Hinterlassenschaft eines längst verstorbenen Gerbers. Mit feinem Stift hat die Künstlerin Linien und Stationen darauf eingezeichnet und sie so zu Landkarten werden lassen – Karten, die vielleicht die Fundamente verlassener Goldgräberhütten in einer karstigen Wüstenei zeigen, oder die verfallenen Eingänge zu den leergeräumten Minen. Luftspiegelungen werfen ausgeträumte Traumbilder in eine Gegenwart wo sie keinen Sinn mehr machen.

Jedem Betrachter erschließt sich natürlich ein eigener Eindruck. Nur eine willkürliche Auswahl der Werke und auch der teilnehmenden Kunstschaffenden ist hier angesprochen. Abschließend soll Mario (E) erwähnt werden, der schon rein optisch aus dem Rahmen fällt, weil seine Werke keinen solchen, sondern ein Podest benötigen: Seine Skulpturen sind gleichzeitig Leuchten. Entweder sind sie mit einer Halogenlampe ausgestattet, oder sie fungieren als Kerzenhalter. Allen gemeinsam ist, dass sie aus edlen Materialien zusammengesetzt sind. (E.) ist ein Sucher und ein Entdecker. Ausgesuchte Steine, Gläser, einmalig gemasertes Oliven oder Wurzelholz und vor allem immer wiederkehrend Messingstücke, die zuvor zu Musikinstrumenten, Gefäßen, Beschlägen, Petroleumlampen oder Handwerkzeug gehörten: er haucht ihnen neues Leben als Organ in einem frisch erschaffenen Körper ein. Seine Kreativität besticht ebenso wie der spürbare Respekt, den er vorangegangenen Handwerkern entgegenbringt. Die Auswahl der Plastiken reicht von humoristisch über folkloristisch angelehnten bis zu streng ausgewogenen Arbeiten: So segelt ein ausgedientes Weberschiffchen gedanklich nachvollziehbar in ruhige Gewässer, während die glastropfenbehängte Parodie namens „Romantic Punk“ sich über Modeerscheinungen sowohl von heute wie auch von anno tubak amüsiert. Das Hintergründige an den Leuchten ist, dass sie den Begriff „Wert der Arbeit“ neu ins Licht rücken: Jede ist eine Hommage an geduldigen Forschergeist und handwerkliche Sorgfalt. Arbeit zeigt (E) nicht als Moment im Entsorgungskreislauf, sondern als Kulturgut und Produkte als Kulturgüter.

Im Foyer vor dem großen Saal im 1. Stock sind alle Objekte ganztägig zugänglich.

Ella